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Gesundheitssysteme am Balkan

Eine Region zwischen Ärzteflucht und Systemkollaps.

Die Balkanhalbinsel im Osten Europas ist eine krisengebeutelte Region und umfasst neben einer Reihe der ärmsten Länder Europas, auch beliebte Urlaubsländer wie Kroatien und Griechenland. Die Finanzkrise ab 2007 und ihre Auswirkungen trafen den Balkan besonders hart. Während Griechenlands finanzielle Probleme wöchentlich Schlagzeilen machen und dabei auch hin und wieder das marode Gesundheitssystem gestreift wird, ist über die Situation in den anderen Balkanländer Rumänien, Bulgarien, Albanien, den Kosovo, Mazedonien, Serbien, Montenegro, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina wenig bekannt. Die südöstlichen Länder Europas, insbesondere der Balkan, kämpfen mit einem zunehmenden Ärztemangel. Europaweit lässt sich eine Ärztewanderung von Ost nach West, den besseren Arbeitsbedingungen und Gehältern nach, beobachten.

Gesundheitssystem auf europäischem Standard?

Im europäischen Durchschnitt kamen im Jahr 2000 auf je 1.000 Einwohner 3,9 Ärzte, im osteuropäischen Durchschnitt waren es lediglich 2,5 Ärzte. Gab es in Griechenland 1999 noch 4,3 Ärzte, und damit den dritthöchsten Wert in Europa, und in Bulgarien 3,4 Ärzte pro 1.000 Personen, so lagen die meisten Balkanländer, aus denen Zahlen zur Verfügung vorlagen, sogar unter dem Zentralosteuropa-Mittel. Kroatien kam auf den Wert 2,4, Mazedonien und Slowenien auf 2,2, Jugoslawien (Serbien, Montenegro, Kosovo) auf 2,1, Rumänien auf 1,9, Bosnien und Herzegowina auf 1,4 und Albanien nur auf 1,3 Ärzte.

Obwohl die Anzahl der Ärzte in den letzten Jahren (Zahlen von 2012) leicht anstieg, in Bulgarien auf 3,9, in Kroatien auf 3,0, in Slowenien auf 2,5 und Rumänien auf 2,4, stehen die Gesundheitssysteme am Balkan vor großen Problemen.

Albanien

In Albanien ist die Zahl der Ärzte rückläufig, so kamen 2012 auf je 1.000 Einwohner nur mehr 1,15 Ärzte. Der Großteil der albanischen Ärzte ist zudem in Krankenhäusern beschäftigt, daher ist die medizinische Versorgung auf einige Ballungszentren beschränkt. Zusätzlich ist im Gesundheitswesen Korruption nach wie vor an der Tagesordnung. Neben den geringen Gehältern im Gesundheitsbereich, gibt es eine lange Tradition der Bestechung und kaum staatliche Kontrollen, was die Korruption weiter fördert. Zudem haben in der Zeit zwischen 1990 und 1999 40% aller Wissenschaftler und Professoren das Land verlassen, obwohl es keine genauen Zahlen gibt, wie viele Mediziner sich darunter befanden, muss davon ausgegangen werden, dass ein ähnlicher Prozentsatz für den medizinischen Bereich gilt.

Bosnien-Herzegowina

Auch Bosnien-Herzegowinas kämpft gegen einen massiven Ärztemangel und gegen die Korruption. Ärztekammer-Präsident Harun Drljevic spricht sogar von einem drohenden Kollaps des Gesundheitssystems.

Bulgarien

In Folge der Wirtschaftskrise wurde das Budget für öffentliche Ausgaben in Bulgarien um 20 Prozent verringert. Diese Sparmaßnahme traf die medizinischen Einrichtungen und die Medizinuniversitäten hart, so wurde z.B. die staatliche Finanzierung pro Student um 30 Prozent gekürzt. Das bulgarische Gesundheitswesen steht zusätzlich vor einer drastischen demografischen Herausforderung, da das Durchschnittsalter der Ärzte bei 51 bzw. 52 Jahren liegt und viele junge Mediziner aufgrund der Einsparungen und auf der Suche nach besseren Karrierechancen nach Westeuropa ziehen. Eine Umfrage 2014 belegt, dass 80 Prozent der Medizinstudenten nach ihrem Studium ins Ausland gehen wollen. In der Zeit von 2009 bis 2012 stellte der bulgarische Ärzteverband 1.441 Ärzten ein „Certificate of Good Standing", welches für die berufliche Tätigkeit im Ausland notwendig ist, aus. Zusammen mit anderen Gesundheitsberufen haben im diesem Zeitraum fünf Prozent aller Arbeitskräfte des Gesundheitswesens ein solches Zertifikat angefordert. 2012 emigrierten erstmals mehr Ärzte, als im selben Jahr eine Approbation erhielten.

Griechenland

Griechenlands Gesundheitssystem steht durch den Sparkurs der Regierung, aber auch durch grobes Missmanagement in der Vergangenheit (Ärzte verdienten an der Verschreibung von Originalmedikamenten) vor einer großen Krise. Die Ärztezahl stieg in Griechenland von 4,3 Ärzte 1999 bis 2008 auf 6,2 Ärzte (das umfasst auch Mediziner ohne Patientenkontakt)  pro 1.000 Einwohner an, um sich dann auf diesem Wert zu stabilisieren. Trotzdem fehlen derzeit in den öffentlichen Krankenhäusern 3.000 Ärzte und obwohl es genug Bewerber gebe, gibt es kein Geld für weitere Stellen. Laut der Ärztekammer in Athen hat sich die Zahl der arbeitssuchenden Ärzte in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Auch Griechenland hat unter der Ärzteabwanderung zu leiden. Die angespannte wirtschaftliche Situation des Landes und das marode Gesundheitssystem vertrieben alleine zwischen 2004 und 2009 7.000 griechische Ärzte aus ihrer Heimat.

Kroatien

Das ärztliche Migrationsmuster zieht sich über den gesamten Balkan. Auch das nahe Kroatien blieb davon nicht verschont. Bis November 2014 verließen 800 Ärzte das Land. Die Gründe scheinen naheliegend, im Ausland warten bessere Arbeitsbedingungen, Karrierechancen und ein höherer Verdienst. Immerhin verdient ein Arzt in Kroatien im Durchschnitt nur circa 680 Euro, nach 20 Jahren Berufstätigkeit steigt das Gehalt auf etwa 1.170 Euro.

Rumänien

In rumänischen Krankenhäusern herrschen vielerorts katastrophale Zustände. Sogar versicherte Patienten müssen ihre Medikamente selbst mitbringen oder gegen Barzahlung erwerben. Das durchschnittliche Gehalt eines Spitalsarztes liegt zwischen 250 und 1.500 Euro im Monat. Alleine im Jahr 2007 emigrierten drei Prozent aller praktizierenden Ärzte (1.421). Zusammen mit der Wirtschaftskrise, die Einschnitte bei Arbeitsplätzen und Gehältern brachte, wurde die verstärkte Abwanderung von Ärzten zum kritischen Faktor für das Gesundheitssystem. Laut aktuellen Zahlen verließen 2.450 rumänische Ärzte 2014 das Land. Davon betroffen sind vor allem Krankenhäuser, in denen es nur halb so viele Ärzte wie eigentlich vorgeschrieben gibt, nämlich rund 13.500. Mit der zunehmenden Abwanderung und den Pensionierungen werden es jährlich um 500 rumänische Ärzte weniger.

Serbien

Auch Serbien verzeichnet einen Anstieg bei den Abwanderungen im Gesundheitsbereich. Aktuelle Zahlen belegen, dass 2014 927 serbische Ärzte, doppelt so viele wie im Vorjahr ein „Certificate of Good Standing" beantragt haben. Vor allem für Fachärzte bietet das Ausland gute Karrieremöglichkeiten, schließlich verdient ein Spezialist in Serbien monatlich maximal 900 Euro. Generell wurde im Zuge von Sparmaßnahmen 2014 das Einkommen der Ärzte um zehn Prozent gekürzt. Zusätzlich lässt der Beschäftigungsstopp im öffentlichen Bereich vielen jungen Ärzten kaum Jobmöglichkeiten im eigenen Land. Bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bezahlung locken immer mehr serbische Mediziner ins Ausland.

Slowenien

Sloweniens Gesundheitssystem musste trotz staatlichen Sparkurses kaum Einbußen hinnehmen. Bereits 2008 kamen 20 Prozent aller Ärzte aus anderen Ländern, um in Slowenien zu arbeiten. Auswanderungsbestrebungen gibt es, aufgrund der guten Arbeitsbedingungen und der erheblich höheren Gehälter im Vergleich zu allen anderen Balkanstaaten, kaum. Ein slowenischer Arzt verdient im Jahr zwischen 50.000 und 70.000 Euro.

Für den Kosovo, Mazedonien und Montenegro gibt es leider derzeit keine aussagekräftigen Daten. Aufgrund der wirtschaftlich schwierigen Lage dieser Länder, muss aber auch hier von einer spurbaren Ärzteabwanderung in Richtung Westeuropa ausgegangen werden.

Nach der Krise ist vor der Krise

Die Finanzkrise hat viele Balkanstaaten zu Sparmaßnahmen veranlasst; sie belasteten die ohnedies mitgenommen Systeme noch zusätzlich und verschärften bestehende Probleme im Gesundheitswesen, wie Ärztemangel, geringe Entlohnung und Korruption. Einzig Slowenien konnte den sehr guten Standard, den das Gesundheitssystem bereits vor der Krise hatte, aufrechterhalten.

Der voranschreitende  Ärztemangel hat bereits jetzt Spuren am Balkan hinterlassen, sofern die Regierungen keine entsprechenden Maßnahmen setzen und Anreize für Ärzte schaffen, stehen die Gesundheitssysteme tatsächlich vor einem möglichen Kollaps.

 

Quellen: Eurostat, European Observatory on Health Care Systems and Policies, WHO Health Professional Mobility and Health Systems, OECD Health at a glance: Europe 2012, WHO Health Systems in transition, APA, Der Standard, Ärzteblatt, Tiroler Tageszeitung, Transparency Deutschland

Weitere Informationen

Eurostat - Gesundheitswesen in Europa: http://ec.europa.eu/eurostat/web/health/health-care
European Observatory on Health Care Systems and Policies: http://www.euro.who.int/en/about-us/partners/observatory 
WHO Health Professional Mobility and Health Systems: http://www.euro.who.int/de/publications/abstracts/health-professional-mobility-and-health-systems.-evidence-from-17-european-countries