Daten und Zahlen Daten und Zahlen

Die humanitäre Situation in der Ostukraine

Über zwei Millionen Ukrainer und Ukrainerinnen befinden sich derzeit auf der Flucht. Das Beispiel der Ostukraine zeigt die Auswirkungen einer politischen Krise auf das gesamte Gesundheitssystem und die humanitäre Situation eines Landes.

Das Gesundheitssystem der Ukraine

Die Ukraine ist flächenmäßig nach Russland das zweitgrößte Land auf dem europäischen Kontinent und umfasst über 600.000 km². 2013 zählte sie 45,5 Millionen Einwohner. Im Jahr 1991 nach dem Zerfall der UdSSR wurde die Ukraine unabhängig. Doch mit dem Ende des Staatenverbunds versagte auch das zentralistisch organisierte Semashko-Gesundheitssystem. Die durchschnittliche Lebenserwartung fiel von 70,5 Jahren (1990) auf 66,9 Jahren (1995). Danach erholte sich der Wert langsam, 2012 betrug die Lebenserwartung 71,3 Jahre und lag damit weit unter dem EU-Median von 77,4 Jahren. Besonders auffallend ist dabei, dass die Lebenserwartung für Frauen um zehn Jahre höher eingestuft wird, als für Männer. Die größten Gesundheitsrisiken sind nach dem Rauchen und Alkoholkonsum, Hypertonie und Fettleibigkeit. Über 60 Prozent der Bevölkerung sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zusammen mit Krebs, Unfällen und Vergiftungen machen diese 84 Prozent aller Todesfälle in der Ukraine aus.

Nach der neugewonnen Unabhängigkeit kam es zu Konjunktureinbrüchen, die das staatliche Gesundheitssystem unfinanzierbar machten. Trotz der Dezentralisierung des Systems, konnten keine großen Reformen umgesetzt werden. Es wurden lediglich Kompetenzen auf regionale Ebene verschoben. Die Regionen sind zuständig für die Gesundheitseinrichtungen in ihrem Gebiet. Die Finanzierung richtet sich nach den jeweiligen Kapazitäten der Einrichtungen und nicht nach den tatsächlichen Anforderungen. Auch wenn das Gesundheitsministerium Qualitätsstandards herausgibt, besteht keinerlei Zwang diese einzuhalten. Das System wird daher weder dem Bedarf der Bevölkerung gerecht, noch reflektiert es regionale Charakteristika. Der private Sektor der Gesundheitsversorgung ist quasi inexistent. Er besteht lediglich aus einigen Apotheken, Diagnosezentren und einer Hand voll Privatärzte.

Da das Gesundheitspersonal in den staatlichen Einrichtungen schlecht bezahlt wird und durch Überalterung und Migration, ein zunehmender Ärztemangel herrscht, hat es sich eingebürgert, Ärzte aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Im Jahr 2000 wurden 44,1 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben durch private Zahlungen finanziert. Auch wenn es kaum Berichte von Ärzten gibt, die Patienten die Behandlung verweigerten, weil diese nicht bezahlen konnten, so ist die Praxis Ärzte selbst zu bezahlen in der Gesellschaft verankert. Das führt auch dazu, dass arme Patienten, Ärzte gar nicht oder erst sehr spät konsultieren.

Eine Reform sollte das Gesundheitssystem 2010 schrittweise bis 2014 verbessern, doch durch die Auseinandersetzung um die Ostukraine kam das Projekt zum Erliegen.

Die Krise erfasst das Gesundheitssystem

Der bewaffnete Konflikt, der seit 2014 in der Ostukraine tobt, hat die Anstrengungen das ukrainische Gesundheitssystem langsam an den europäischen Standard anzunähern, nachhaltig zerstört. Ohne ein Mindestmaß an politischer Stabilität sind Veränderungen im Gesundheitswesen undenkbar. In den blutigen Kämpfen wurden bereits über 16.000 Menschen verletzt und mehr als 6.500 Personen getötet.

Die anhaltende politische Krise hat gravierende Auswirkungen auf die humanitäre Versorgung der Bevölkerung. Viele der ursprünglich über 6,6 Millionen Ostukrainer und Ostukrainerinnen mussten ihre Häuser und Wohnungen verlassen und sind von extremer Armut bedroht. Ende Juni 2015 wurden über 1,35 Millionen intern Vertriebene und 900.000 weitere Flüchtlinge in Nachbarländern registriert. Die Flüchtlinge brauchen neben einer Unterkunft, Nahrung, sanitären Anlagen, medizinische Versorgung, psychische Betreuung und Schutz. Das Gesundheitssystem der Ukraine ist mit den neuen Herausforderungen durch die Krise schlichtweg überfordert.

Medizinische Versorgung in den Krisengebieten

Aufgrund des anhaltenden Konflikts wurde die ohnedies mangelhafte medizinische Versorgung auf ein Minimum reduziert. In den Krisenregionen Donezk und Luhansk wurden viele Krankenhäuser beschädigt oder ganz zerstört, einige wurden gezielt beschossen. Oftmals sind sie von der Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten. In den Krankenhäusern, die noch in Betrieb sind, gibt es Versorgungsengpässe. Neben fehlenden Medikamenten, wird auch das Personal zusehends knapper. Viele Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes sind bereits geflohen. In Luhansk sind nur noch 30 Prozent des medizinischen Personals im Dienst, in Donezk gerade 10-15 Prozent der ursprünglich 85.000 Angestellten.

Im Jänner 2015 warnte die WHO vor dem Risiko eines verstärkten Ausbruchs von Infektionskrankheiten wie Polio, Masern und Tuberkulose durch fehlende Impfstoffe. Seit Beginn des Konflikts waren keine Kinder mehr geimpft worden. Ende 2014 dürfte die Durchimpfungsrate bei Kindern nur mehr bei 30 - 40 Prozent gelegen sein. Im August 2015 wurden zwei Polio-Fälle in der Ukraine gemeldet.

Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen" ist seit Beginn der Krise in der Ostukraine tätig. Mit Ärzten und Psychologen sollen vor Ort Opfer und Verletzte betreut und Medikamente geliefert werden. Doch Hilfslieferungen für Zivilisten werden durch die Kampfhandlungen oft unterbrochen.

Solange der Konflikt um die Ostukraine nicht beendet ist, bleibt die humanitäre Situation für über fünf Millionen Menschen kritisch. Hilfslieferungen und Unterstützung aus dem Ausland können kaum den dringendsten Bedarf decken. Das ohnehin schon schwache Gesundheitssystem der Ukraine ist weiter denn je vom europäischen Standard entfernt und wird Jahre brauchen um sich von dieser Krise zu erholen.

 

Quellen: WHO, UNHCR, Ärzte ohne Grenzen, APA

 

Weitere Informationen

WHO Health Systems in Transition – Ukraine: http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0018/280701/UkraineHiT.pdf?ua=1

Ärzte ohne Grenzen – Ukraine: https://www.aerzte-ohne-grenzen.at/countryregion/ukraine