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Ersatzteillager Mensch?

Weltweit herrscht ein massiver Mangel an Spenderorganen. Die Nachfrage nach transplantationsfähigen Organen steigt aufgrund von chronischen Krankheiten immer weiter an. Angesichts von oftmals lebensbedrohlichen Wartezeiten, verlassen einige Patienten die legalen Wege und suchen in der Illegalität des Organhandels eine Alternative. Die organisierte Kriminalität nutzt dabei die Zwangslage von besonders Schutzbedürftigen und Armen aus, um Organe an meist reiche Empfänger aus dem Ausland zu vermitteln. Verschiedene globale Initiativen der UNO und WHO versuchen diesen Verbrechen entgegenzuwirken. Um den Handel mit Organen langfristig zu eliminieren, muss dem Organmangel mit einer höheren Spendenbereitschaft innerhalb der Gesellschaft beigekommen werden.

Die Transplantation eines Organs ist bei Organversagen oft die einzige Chance auf Rettung. 2012 wurden weltweit ungefähr 114.690 Organtransplantationen durchgeführt, das sind unter zehn Prozent aller benötigten Organe. In vielen Ländern herrscht ein Mangel an transplantationsfähigen Organen und Spendern. Zusätzlich fallen einige Patienten aufgrund von medizinischen Gegebenheiten aus der Warteliste für eine Transplantation. Ist kein passendes Spenderorgan verfügbar und die Verzweiflung groß, ziehen einige Menschen den Kauf eines Organs in Betracht. Dabei wird oft die wirtschaftliche Zwangslage von Menschen in Entwicklungsländern ausgenützt. Die potenziellen Spender erklären sich aus der Not heraus bereit, ein Organ zu verkaufen, ohne über die gesundheitlichen Folgen ausreichend informiert zu sein. Zusätzlich wird hier das extreme Gefälle zwischen arm und reich nachhaltig verstärkt, da oft ein reicher Ausländer anreist, um das Organ eines lokalen Spenders aus prekären Verhältnissen zu erhalten. Diese Praxis ist nicht nur aus ethischen Gründen abzulehnen sondern stellt auch in den meisten Ländern der Welt eine Straftat dar.

Der Bedarf an Spenderorganen

Die meisten Organspenden erfolgen in Europa durch Verstorbene. Wenn der Patient hirntod ist, können seine Organe gespendet werden. In einigen europäischen Ländern gilt noch die erweiterte Zustimmungsregelung. Diese besagt, dass ein Organ nach dem Tod nur nach ausdrücklicher Zustimmung durch den Verstorbenen oder seine Verwandten entnommen werden darf. Aufgrund von immer wieder auftretenden Skandalen, wie Manipulationen bei der Warteliste, ist es so oft schwierig, neue Spender zu finden. In Österreich und vielen anderen Ländern Europas gilt die Widerspruchsregelung. Ein Organ darf nach dem Tod nur dann entnommen werden, wenn der Spender eine Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich ausgeschlossen hat und sofern das Leben einer anderen Person dadurch gerettet oder erheblich verbessert werden kann. Sollte jemand nicht als Spender zur Verfügung stehen wollen, so kann er sich im sogenannten Widerspruchsregister eintragen lassen, dieses muss verpflichtend vor jeder Organspende konsultiert werden.

Wegen des angesprochen Mangels an Spenderorganen, gibt es in einigen Fällen auch die Möglichkeit einer Lebendspende. Dabei darf es sich nur um nicht lebensnotwendige Organe handeln, wie eine Niere, Teile der Leber oder Lunge. Eine Lebendspende bedeutet einen medizinischen Eingriff an einer völlig gesunden Person, daher muss hier die Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit der Spende sichergestellt werden.

Transplantations-Tourismus

Wer es sich leisten kann und gar nicht oder schon zu lange auf der Warteliste steht, fährt ins Ausland und lässt sich dort ein Organ transplantieren. Vor allem für arme Menschen scheint der Verkauf eines nicht lebensnotwendigen Organs oft der einzige Weg, ihre finanzielle Situation zu verbessern. Dabei wird die Zwangslage dieser Menschen ausgenützt, ohne auf deren Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Studien bestätigen, dass der Verkauf eines Organs das Leben nachhaltig verschlechtert. Das erhaltene Geld ist schnell ausgegeben, da es für den Spender keine Nachsorge gibt und die notwendige medizinische Betreuung selbst finanziert werden muss. Zusätzlich wird der Gesundheitszustand des Spenders durch den Eingriff drastisch verschlechtert.

Laut WHO finden jährlich 10.000 Operationen mit Schwarzmarkt-Organen statt. Indien, Pakistan, China und die Philippinen stehen bei Transplantationstouristen ganz oben auf der Liste. In den besonders armen Dörfern Pakistans kann es vorkommen, dass kaum ein Einwohner noch beide Nieren hat. Auch China ist ein populäres Ziel. Hier wurde erst 1997 ein Gesetz eingeführt, das den Handel mit Organen verbietet. Im Land herrscht großer Organmangel, da es Tradition ist, den vollständigen Körper nach dem Tod zu beerdigen und daher nur sehr wenige Menschen ihre Organe nach dem Tod spenden. Während in China die Chance auf eine neue Niere für einen Patienten pro Jahr bei einem halben Prozent liegt, hat ein britischer Patient eine 43-prozentige Chance. Um dem eklatanten Mangel entgegen zu wirken, griff die Regierung zu der international umstrittenen Praxis, hingerichteten Gefangenen ihre Organe zu entnehmen und als Spende zur Verfügung zu stellen. Die Machthaber kündigten an diese Vorgehensweise bis 2017 einstellen zu wollen.

Krimineller Organhandel

Die UNO unterscheidet drei Formen des – illegalen und illegitimen - Organhandels. Erstens Menschen werden dazu gezwungen oder getäuscht, ein Organ zu spenden. Zweitens Menschen stimmen zu, ein Organ zu verkaufen und werden nicht oder zu wenig bezahlt. Drittens Menschen werden aufgrund eines vorgegebenen „Gebrechens" behandelt und dabei wird ihnen unwissentlich ein Organ entnommen. Diese dritte Form des Organraubs ist nicht nur für das betroffene Opfer extrem traumatisch, sondern zerstört auch das gesamtgesellschaftliche Vertrauen in medizinische Einrichtungen.

Schutzbedürftige und arme Menschen wie Gastarbeiter, Migranten, Flüchtlinge und Obdachlose sind besonders gefährdet. Es gibt jedoch keine spezielle Altersgruppe. Gehandelt wird hauptsächlich mit Nieren oder Leberteilen, aber grundsätzlich kann jedes Organ, das entnommen werden kann, auch zum Organhandel verwendet werden.

Bei Organhandel handelt es sich um organisierte Kriminalität. Es ist immer eine Gruppe von Menschen involviert, die organisiert arbeitet: neben einem Recruiter, der das potenzielle Opfer findet, muss auch jemand den Transport organisieren, ein medizinisches Team wird benötigt und ein Käufer.

Internationale Gegenstrategie

Die UNO hat eigens die „Global Initiative to fight human trafficking" ins Leben gerufen, um auf das Thema Organhandel aufmerksam zu machen und um die Kooperation zwischen nationalen Entscheidungsträgern im Kampf gegen Organhandel zu verbessern. Bis dato haben 140 Länder das Protokoll zur Unterbindung, Bekämpfung und Bestrafung von Menschenhandel unterschreiben, welches das Übereinkommen gegen grenzüberschreitende organisierte Kriminalität ergänzt und sich damit auch zum Kampf gegen den Organhandel verpflichtet.

Bereits 2004 appelliert die WHO an ihre Mitglieder, sich mit dem wachsenden Problem des Organhandels auseinanderzusetzen. 2008 beschlossen internationale Experten und Fachgruppen einstimmig die Erklärung von Istanbul. In dieser Deklaration  haben sich Vertreter aus 78 Nationen gegen den Organhandel ausgesprochen. Die Erklärung wurde von über 100 Ländern unterschrieben, einige haben im Anschluss Gesetze gegen Organhandel erlassen.

Gegen-Modell Iran

Nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung" setzt der Iran auf eine grundlegend andere Strategie zur Vermeidung von illegalem Organhandel. Dort ist es seit 1988 gesetzlich gestattet, eigene nicht lebensnotwendige Organe an nicht-verwandte Personen zu verkaufen. Durch die Entkriminalisierung soll die Versorgung des Spenders nach der Operation sichergestellt werden. Spender und Empfänger müssen iranische Staatsbürger sein, so soll verhindert werden, dass arme Menschen aus anderen Ländern im Iran ihre Organe verkaufen oder reiche Ausländer für Transplantationen ins Land kommen. Zusätzlich gibt es auch die Möglichkeit, wie in anderen Ländern, das Organ eines Toten oder Verwandten zu erhalten. 2010 wurden im Iran 2200 Nieren transplantiert. 69 Prozent wurden von lebenden Nicht-Verwandten gekauft. Weitere 26 Prozent stammen von toten Spendern und der Rest von Angehörigen.

Die Zukunft der Organspende

Bereits in Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Somit darf das Leben einer Person niemals mehr Wert erhalten, als das einer anderen, daher gilt es jegliche Form von Organhandel auf das Schärfste abzulehnen und zu verurteilen.

Um den Organhandel und Transplantations-Tourismus nachhaltig zu verringern, muss dem Mangel an Organen mit der Akquise von neuen potenziellen Spendern begegnet werden. Um mehr Menschen zur Spende ihrer Organe nach dem Tod zu bewegen, denkt die EU über die Einführung eines europäischen Organspende-Ausweises nach, der es dem Besitzer ermöglicht, die Erklärung über seinen Willen zur Organspende immer bei sich zu tragen.

Zusätzlich soll die Kooperation der Länder untereinander ausgebaut werden, um schneller einen passenden Spender zu finden. Innerhalb der EU kooperieren bereits acht Länder unter dem Dach der Eurotransplant um gespendete Organe und Transplantationspatienten miteinander zu vernetzen.

 

Quellen: The Lancet, WHO, Eurotransplant, Declaration of Istanbul, The Guardian, Gesundheit Österreich, Krankenkassen.de

 

Weitere Informationen

Eurotransplant – Statistik: https://www.eurotransplant.org/cms/index.php?page=monthlystats

UN Global Initiative to Fight Human Trafficking: http://www.ungift.org/

Declaration of Istanbul: http://www.declarationofistanbul.org/

The Guardian – Kidneys for sale: http://www.theguardian.com/society/2015/may/10/kidneys-for-sale-organ-donation-iran