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Impfen oder nicht impfen? Das ist hier die Frage.

Wie die Impfmüdigkeit der Österreicher zur Rückkehr vergessener Krankheiten führt

Experten warnten anlässlich des Österreichischen Impftags 2015 vor dem immer größer werdenden Impfdefizit in Österreich. Vor allem Krankheiten, wie Masern, Mumps und Röteln, die sich sehr leicht durch Impfungen eindämmen ließen, befinden sich wieder auf dem Vormarsch.

Im Vorzeigeland USA, in dem die Masern bereits vor 15 Jahren als „ausgerottet" galten, wurden über 100 neue Masern-Fälle in 14 Bundesstaaten gemeldet. Auch in Europa werden seit einigen Jahren wieder mehr Ansteckungen beobachtet. Seit Anfang 2014 haben sich mehr als 22.000 Menschen europaweit angesteckt. Allein 2014 gab es in Österreich 114 Masern-Fälle, 2015 wurden bereits 47 Neuinfektionen verzeichnet (Stand 23.02.2015).

Trotz konstanter Impfbemühungen kommt es immer wieder zu Masern-Ausbrüchen, wie derzeit mit fast 600 Erkrankten und bereits einem Todesfall in Berlin. Es mutet geradezu grotesk an, dass die Masern just im Jahr 2015 wieder verstärkt auftreten, für das die WHO eigentlich ihre Ausrottung angepeilt hatte. Freilich kommt dieses Scheitern nicht völlig überraschend, denn zur Eradikation bräuchte man eine 95-prozentige Durchimpfungsrate. Doch Impfstoffe können schließlich nur wirken, wenn man sich auch impfen lässt.

Was oft leichtfertig als Kinderkrankheit abgetan wird, kostete alleine 2013 mehr als 145.000 Menschen weltweit das Leben. Die Masern sind hoch infektiös, sie ziehen eine bis zu sechswöchige Immunschwäche nach sich, die wiederum ein nahezu idealer Nährboden für nachfolgende bakterielle Superinfektionen ist. Diese können neben Lungen- und Gehirnhautentzündungen, auch bleibende Folgeschäden wie geistige Behinderungen oder Lähmungen verursachen.

Als Reaktion auf diese erschreckende Tatsache gibt es seit 2011 für alle Österreicher und Österreicherinnen die Möglichkeit, sich kostenlos gegen Masern, Mumps und Röteln nachimpfen zu lassen und damit entstandene Impflücken, die vor allem bei jungen Erwachsenen bestehen, zu schließen.

Angesichts der aktuellen Entwicklung in Deutschland wurde die Debatte um die Impfpflicht wieder angestoßen. Während sich die deutsche Bundesärztekammer für die verpflichtende Masern-Impfung einsetzt, steht die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) dieser Forderung kritisch gegenüber. ÖÄK-Präsident Artur Wechselberger sprach sich ebenso wie Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser gegen eine Impfpflicht, aber für verstärkte Information aus.

Impfmüdigkeit

Die allgemeine Impfmüdigkeit leistet eigentlich besiegten Gegnern Vorschub. Und sie beschränkt sich nicht nur auf die Masern. Das führt dazu, dass vergessene Krankheiten, die teilweise als ausgestorben galten, wieder aufflammen. Während Schutzimpfungen für Kinder nach wie vor einen hohen Stellenwert haben und durch das kostenlose Kinderimpfprogramm vorangetrieben werden, sind Erwachsene bei der eigenen Impfroutine nachlässiger. Oft wird auf die notwendigen Auffrischungen vergessen wie bei Diphterie, bei Tetanus oder auch bei  Masern-Mumps und Röteln. Das führt zu einer unzureichenden Durchimpfungsrate, die vermeintlich eliminierten Krankheiten wie Masern, Röteln oder Keuchhusten die Rückkehr ermöglicht.

Fehlende Information

Oftmals kommt zur mangelnden Motivation die fehlende Information. Die neue Impfempfehlung des Bundesministeriums für Gesundheit 2015 sieht für Erwachsene z.B. die jährliche Influenzaimpfung vor. Kinder ab dem 7. Lebensmonat, Personen über 50, Personen mit Grundleiden, Schwangere, aber auch Kinder und Jugendliche unter chronischer Aspirintherapie, stark Übergewichtige, Betreuungspersonen, Personen der Gesundheitsberufe und Personen mit häufigem Publikumskontakt sind besonders gefährdet und sollten daher geimpft sein. Aber auch Reisende zählen zu den Risikogruppen, weshalb eine zeitgerechte Immunisierung eine Erkrankungen von vornherein verhindern respektive den Verlauf erleichtern kann.

Soweit die Theorie und die Empfehlung der Experten. Doch die Grippe-Impfung leidet nach wie vor unter einem Imageproblem. Verursacht wird es durch die schnelle Weiterentwicklung des Influenza-Virus A. Jedes Jahr muss mit einem neu zusammengesetzten Impfstoff geimpft werden, um einen möglichst hohen Schutz zu bieten.

Bis spätestens Februar/März des aktuellen Jahres gibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Empfehlung ab, wie der Impfstoff für die nächste Saison aussehen soll. Die Wirksamkeit des Impfstoffes ist daher abhängig von der Treffsicherheit der Prognose über die voraussichtliche Aktivität einzelner Virenstämme.

Senioren „impfen" anders

Fehlende Impfungen können besonders für ältere Menschen fatale Folge haben. Da die Rekonvaleszenz im Alter wesentlich langsamer vonstattengeht, bietet das geschwächte Immunsystem eine Angriffsfläche für diverse Folgeerkrankungen. Die Gefahr von bakteriellen Infektionen, z.B. durch Pneumokokken, steigt massiv durch die von Pneumokokken übertragende Lungenentzündung und führt zur Übersterblichkeit der Altersgruppe ab 60. Von Übersterblichkeit spricht man dann, wenn durch eine grassierende Krankheit Menschen häufiger sterben als es normalerweise der Fall ist.

Daher empfiehlt das Bundesministerium für Gesundheit ab dem 50. bzw. 51. Lebensjahr die Gürtelrose- (Herpes Zoster) und die Pneumokokken-Impfung sowie die jährliche Influenza-Impfung ab 65. Außerdem muss beachtet werden, dass das Immungedächtnis mit zunehmendem Alter nachlässt und Impfungen daher bereits nach einem kürzeren Zeitraum wieder aufgefrischt werden müssen. Ab dem 60. Lebensjahr muss die Impfung Diphterie-Tetanus-Pertussis-Polio bereits alle fünf Jahre und die FSME-Impfung alle 3 Jahre erneuert werden.

Für Reisende gelten zusätzlich zu den Routineimpfungen spezielle Empfehlungen. Je nach Reisegebiet müssen im Vorfeld verschiedene Schutzimpfungen (z.B. Gelbfieber, Japanische Enzephalitis, Meningokokken, Tollwut, Tuberkulose, Typhus abdominalis) verabreicht werden. Vor allem in tropischen Ländern gibt es Infektionskrankheiten, die in Österreich nicht verbreitet sind. Einige Länder schreiben die Gelbfieber- oder Meningokokken-Impfung sogar als Einreisebedingung vor. Vor einer Reise ins Ausland wird daher zur rechtzeitigen Kontaktaufnahme (vier bis sechs Wochen vor Reiseantritt) mit dem Hausarzt/der Hausärztin oder dem Tropeninstitut, zur Abklärung der notwendigen Impfindikation, geraten.

 

Quellen: APA, MedUni Wien, BMG Impfplan 2015, ZEIT online, Kurier.at, derstandard.at, Österreichische Ärztezeitung

 

Weitere Informationen

Bundesministerium für Gesundheit

Impfplan 2015: Der Impfplan enthält die aktuelle Impfempfehlung für Kinder, Erwachsene und für Reisende. http://www.bmg.gv.at/home/Schwerpunkte/Praevention/Impfen/Oesterreichischer_Impfplan_2015

 

Österreichische Ärztekammer

Presseaussendung: Ärztekammer zu Impfdebatte: Gegen Pflicht, für Aufklärung

Informationen zu aktuellen Impfaktionen: http://www.aerztekammer.at/impfaktionen

Im Rahmen des Österreichischen Impftags 2015 setzten sich Experten aus Europa mit dem anhaltenden Problem der Impfversäumnisse auseinander. http://www.aerztekammer.at/impftag