angle-left PK Gefährliches Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen: Ärztekammer und Ernährungsmediziner präsentieren „Aktionsplan Adipositas“

Die WHO fordert von der österreichischen Bundesregierung bis 2020 geeignete Präventionsprogramme und Interventionskonzepte gegen krankhaftes Übergewicht im Kindes- und Jugendalter. Damit diesen Vorgaben noch rechtzeitig entsprochen werden kann, ergreift die Ärzteschaft jetzt die Initiative und hat gemeinsam mit Ernährungsmedizinern von der MedUni Wien ein Bündel von strategischen Maßnahmen und gesundheitspolitischen Vorschlägen erarbeitet.

„Das Massenphänomen krankhaftes Übergewicht ist eine gesundheitliche, gesundheitspolitische und gesundheitsökonomische Zeitbombe“, sagt Johannes Steinhart, Obmann der Bundeskurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der ÖAK, in einem Pressegespräch. „Die Ärzteschaft ergreift jetzt die Initiative und hat gemeinsam mit Ernährungsmedizinern von der MedUni Wien ein Bündel von strategischen Maßnahmen und gesundheitspolitischen Forderungen erarbeitet, den ‚Aktionsplan Adipositas‘. Unser Ziel ist dessen zügige politische Umsetzung, um durch wirksame Präventionsmaßnahmen die Ausbreitung von Adipositas einzudämmen.“

Der Hintergrund: Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert in ihrem „Europäischen Aktionsplan Nahrung und Ernährung“ (2015-2020) auch von der österreichischen Bundesregierung bis 2020 geeignete Konzepte gegen Adipositas. „Konkret soll durch geeignete Präventionsmaßnamen bis zum Jahr 2025 unter anderem das Ausmaß kindlichen Übergewichts nicht weiter zunehmen und eine Verringerung der Frühsterblichkeit aufgrund von krankhaftem Übergewicht erreicht werden“, berichtet Steinhart. „Gesundheitssysteme sollen im Sinne einer Förderung gesunder Ernährung ausgebaut werden.“

Jedes dritte Kind in der Altersgruppe sechs bis neun Jahre ist adipös – hoher BMI-Zuwachs auf dem Land

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Atemwegserkrankungen verursachen heute in Europa bereits 77 Prozent der Krankheitslast und 86 Prozent der vorzeitigen Sterblichkeit. „Führende Risikofaktoren sind ein überhöhtes Körpergewicht sowie der übermäßige Verzehr von kalorienreicher Nahrung, gesättigten Fetten, Transfettsäuren, Zucker und Salz bei zu geringem Konsum von Obst, Gemüse und Vollkornprodukten“, so Univ.-Prof- Dr. Kurt Widhalm, Kinderarzt und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. In europäischen Ländern ist nach WHO-Angaben bereits jedes dritte Kind in der Altersgruppe sechs bis neun Jahre adipös. Widhalm: „Es wird davon ausgegangen, dass sich die Zahl adipöser Kinder bis zum Jahr 2025 verdoppeln wird.“

Eine dieser Tage in „Nature“ publizierte Studie zeigt, dass erstmals weltweit die Body-Mass-Index-Zunahme im ländlichen Bereich höher war als im städtischen. „Der Bedarf an konsequenten Präventionsmaßnehmen, die bisher tendenziell auf den urbanen Bereich und einen städtischen Lebensstil fokussierten, muss also flächendeckend ausgeweitet werden“, bilanziert Widhalm.

Ernährungsmedizinisches Expertenboard: ÖÄK, Gesundheitsministerium und MedUni Wien

„Um den Vorgaben der WHO zu entsprechen zu können, empfehlen wir eine Reihe von Sofortmaßnahmen“, sagt Steinhart. „Zentrales Element ist die Gründung eines ernährungsmedizinischen Expertenboards gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium.“ Ein kleines, schlankes und kurzfristig entscheidungsfähiges Team von österreichischen und internationalen Experten unter wissenschaftlicher Beteiligung der MedUni Wien solle unabhängig von Partei- und Industrieinteressen das tun, was die WHO fordert: Konzepte zur Eindämmung der Adipositas im Kinder- und Jugendlichenalter entwickeln, deren Umsetzung begleiten und die Ergebnisse evaluieren. Dieses Board sollte auch weitere sinnvolle Maßnahmen wissenschaftlich begleiten, wie zum Beispiel Aufklärungs- und Informationskampagnen, sagt Steinhart.

„Zahlreiche Voraussetzungen für ein erfolgreiches Vorgehen wurden bereits geschaffen und müssen gebündelt und strukturiert genützt werden“, so der ÖÄK-Vizepräsident. Einige Beispiele:

  • Die Ärztekammer hat im Vorjahr nach dem Vorbild des sehr bewährten Mutter-Kind-Passes einen neuen Jugendgesundheitspass erarbeitet, der den Lebensabschnitt vom siebenten/achten bis zum 16./17. Lebensjahr umfasst und bei dem Fragen des Lebensstils und der Ernährung eine zentrale Rolle spielen. Steinhart: „Dieses ausgereifte Projekt liegt dem Gesundheitsministerium vor, jetzt geht es darum, dass die Gesundheitspolitik es aufgreift und umsetzt.“
     
  • Österreichs Schulärzte erheben wichtige Gesundheitsdaten, zum Beispiel Größe und Gewicht der Schülerinnen und Schüler. Allerdings wurden diese Daten bisher nicht konsequent ausgewertet. „Das muss in Zukunft unbedingt passieren, weil wir wertvolles empirisches Material für Präventions- und Interventionsmaßnahmen nicht ungenützt liegen lassen dürfen“, so Ernährungsmediziner Widhalm. „Zeigen zum Beispiel von Schulärzten erhobene Daten eine regional sehr hohe Adipositas-Häufigkeit, kann dort gezielt ernährungsmedizinisch interveniert werden. Dazu müssen die Schulärzte in die Prävention eingebunden werden.“
     
  • In etwa 1.600 Ärztinnen und Ärzte haben in Österreich bereits das Ärztekammerdiplom für Ernährungsmedizin absolviert. „Diese Expertise ist zum Erreichen der WHO-Vorgaben unverzichtbar. Ernährungsmedizinisch ausgebildete Ärztinnen und Ärzte können Kurse anbieten, Schulärzte und Lehrer schulen oder bei übergewichtigen Kindern und ihren Familien gezielt intervenieren“, sagt Widhalm. Geklärt werden müsse, so ÖÄK-Vizepräsident Steinhart, noch „die Honorierung solcher Leistungen, weil diese im Honorarkatalog von Kassenvertragsärzten nicht berücksichtigt sind.“

Der Weg zum Ziel ist aus ernährungsmedizinischer Sicht klar: Eine in „The Lancet“ im Jänner veröffentlichte Studie empfiehlt einen maximalen Konsum von 35 Gramm Fleisch pro Tag. „Das ist auch unter ökologischen Aspekten bedeutsam, weil für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch etwa sechs Kilogramm pflanzliches Tierfutter erforderlich sind“, sagt Widhalm. „Fleisch ist außerdem der größte Faktor des nahrungsmittelbedingten Treibhausgas-Ausstoßes.“

Eine gut geeignete Richtlinie für gesunde Ernährung biete der von der Harvard Medical School entwickelte „Gesunde Teller“. Er zeigt das Verhältnis, in dem einzelne Nahrungsmittel zusammengestellt werden sollten: Die Hälfte des Tellers sollte aus Obst und Gemüse bestehen, ein Viertel aus Vollkornprodukten und ein Viertel aus Protein. Es werden außerdem Beispiele für hochwertige und gesunde Lebensmittel aus jeder dieser Gruppen genannt. Widhalm: „Diese Form der Darstellung bringt bessere Information für die Bevölkerung und lässt hoffen, dass sich dadurch das Essverhalten positiv verändert.“

Solche und viele weitere Schritte müssen wissenschaftlich begleitet werden. Widhalm: „Es ist sehr zu begrüßen, dass sich neben der Ärztekammer auch die MedUni Wien an diesem Prozess beteiligen wird.“

Finanzierung über Alkohol- und Tabaksteuer – Adipositas-Prävention ist intelligentes Investment

Die Finanzierung solcher Maßnahmen könne über die Alkohol- und Tabaksteuer erfolgen, sagt Steinhart. Für Prävention gibt die Gesundheitspolitik lediglich 2,1 Prozent (2017) der Gesundheitsausgaben aus, hier sei also „noch sehr viel Luft nach oben“. Konsequente Adipositas-Prävention auf breiter Basis würde nicht nur viel Leid ersparen, sondern auch enorme Folgekosten für ernährungsassoziierte Krankheiten bzw. Risikofaktoren, wie Bluthochdruck, erhöhtes Cholesterin, Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte.

„Das ist auch unsere sehr klare Botschaft an die Verantwortlichen der in Gründung befindlichen Österreichischen Gesundheitskasse“, sagt Steinhart: „Prävention und rechtzeitige Intervention bei krankhaftem Übergewicht im Kinder- und Jugendalter ist ein Paradebeispiel für sinnvolle Investitionen in Gesundheit und die Vermeidung von Folgekrankheiten.“

Österreich brauche einen breiten Konsens, dass Adipositas-Prävention auf der gesundheitspolitischen Agenda ganz oben stehen muss. Steinhart: „Die Ärzteschaft sieht sich hier als Teil der Lösung und ist sehr gerne bereit, sich einzubringen und die nötigen Prozesse anzustoßen und zu begleiten.“

Presseunterlage

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Fotos

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Fotocredit: Bernhard Noll

O-Töne (mp3)

Johannes Steinhart:
Was sind die Hintergründe für die "Aktion Adipositas"? (723KB)
Was sind Ihre Forderungen? (628KB)
Was ist der Jugendgesundheitspass? (438KB)
Kann es jemals zu spät für einen gesunden Lebensstil sein? (773KB)

Dr. Kurt Widhalm:
Was sind die Hintergründe für die "Aktion Adipositas"? (673KB)
Warum ist die Prävention wichtig? (737KB)
Welcher Faktor ist bei Prävention wichtig? (642KB)
Wieviel Kinder sind betroffen? (1.4MB)